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  • Kostenfaktor Krebstherapie Die Überlebensdauer bei Krebs erhöht sich laufend. Doch auch die Kosten für Krebsmedikamente steigen rasant. Können wir uns das noch lange leisten?



Hauptinhalte

Kostenfaktor Krebstherapie

Univ.-Prof. Dr. Ulrich Jäger

Universitätsklinik für Innere Medizin I - Medizinische Universität Wien
Klinische Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie

Währinger Gürtel 18-20
1090 Wien

+43-1-404004410
+43-1-404004030

www.haematologie-wien.at
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Öffnungszeiten: von Montag bis Freitag 08:00 - 17:00 Uhr

Univ.-Prof. Dr. Ulrich Jäger ist in dieser Abteilung Abteilungsleiter.

Verbesserte Diagnostik, innovative Medikamente und neue Behandlungsverfahren sorgen dafür, dass die Überlebensdauer bei Krebs laufend steigt. Doch diese Erfolge haben ihren Preis: Die Kosten für Krebsmedikamente steigen weltweit und auch in Österreich. Was dies für unser Gesundheitssystem und die einzelnen Patienten bedeutet, beleuchtet Univ.-Prof. Dr. Ulrich Jäger vom AKH Wien.

Immer mehr Menschen leben mit Krebs. Woran liegt das?

Zum einen wird unsere Gesellschaft immer älter. Zum anderen ist es gelungen, die durchschnittliche Überlebensdauer ab Diagnose in den letzten Jahren deutlich zu erhöhen – durch präzisere Diagnostik, innovative Medikamente, neue chirurgische Verfahren und verbesserte radioonkologische Therapien. Konkret leben heute 61% der diagnostizierten Krebspatienten nach der Diagnose noch mindestens fünf Jahre. Das hatte zur Folge, dass zwischen 2002 und 2012 die Zahl der von Krebs Betroffenen von 214.000 auf 315.000 Personen gestiegen ist. Das ist ein enormer Fortschritt. Es stellt aber die Onkologie und auch das gesamte Gesundheitssystem vor große Herausforderungen.

Uns Ärzten stehen nicht nur neuartige Therapiekonzepte und Medikamente zur Verfügung, sondern auch eine unglaubliche Menge an Informationen, die für den einzelnen Patienten selektiert, bewertet und koordiniert werden müssen. Deshalb brauchen wir künftig andere Rahmenbedingungen, die allerdings ressourcenintensiver sind.

Werden also die Kosten für die Krebsbehandlung steigen?

Weltweit sind die Kosten für Krebsmedikamente in den letzten fünf Jahren um 34% auf 90 Mrd. Euro gestiegen. Und auch in Österreich haben sich die Ausgaben in ähnlichem Ausmaß entwickelt und zuletzt 471 Mio. Euro erreicht. Das hat eine international durchgeführte Studie des IMS Institutes ergeben. Doch man darf dabei nicht übersehen, dass die Aufwendungen für stationär verabreichte Krebspräparate in Österreich trotzdem nur 0,1% des Bruttoinlandsprodukts ausmachen.

Gleichwohl: Steigende Kosten stellen uns vor Herausforderungen, vor denen man nicht die Augen verschließen kann. Wir müssen daher nach klugen Lösungen suchen, um die Balance zwischen optimalem Therapieeinsatz und Nachhaltigkeit fürs Gesundheitssystem zu finden.

Kann sich Österreich auf Dauer leisten, jedem die beste Behandlung zu bieten?

Dank der Entwicklungen in der Medizin ist ein Leben mit Krebs möglich, und wir sind in Österreich noch in der glücklichen Lage, jedem die beste Therapie anbieten zu können. Um dem Patienten die jeweils optimale Behandlung zugänglich machen zu können, wird sich aber die Spitalslandschaft in Österreich verändern und neu aufstellen müssen. Spezialisierte Zentren sind gefordert, um einen möglichst effizienten Umgang mit Krebstherapien zu gewährleisten. Sinnvoll wären so genannte Cancer-Centers, die in Universitätskliniken und anderen Krankenhäusern in Ballungszentren angesiedelt sind. In diesen Zentren sind Tumorboards eingerichtet, wo mehrere hochspezialisierte Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenarbeiten. Dadurch wird einerseits ein optimaler Umgang und gezielter Einsatz der Medikamente sichergestellt. Andererseits kann so auch der kosteneffizienteste Weg gefunden werden.

Bedeutet das für Patienten im ländlichen Raum eine Verschlechterung?

Auch für Patienten in kleineren Städten oder Orten, wo es keine solchen Zentren gibt, wird das ein sinnvoller Weg sein. Denn es bedeutet für sie zwar möglicherweise etwas längere Wege, dafür aber auch die bestmögliche Betreuung durch Spezialisten. Ergänzend werden derzeit mobile Spezialistenteams diskutiert, die von den großen Zentren regelmäßig in Spitäler in der Peripherie kommen.

Angesichts der steigenden Kosten stellt sich auch die Frage: Wer entscheidet, welche Medikamente zum Einsatz kommen?

Grundsätzlich entscheidet in Österreich noch immer der behandelnde Arzt, welches Medikament im jeweiligen Fall sinnvoll ist. Da haben wir noch keine Zwei-Klassen-Medizin. Jeder bekommt das, was er braucht. Aber natürlich gibt es eine Diskussion, ob auch der kleinste Zusatznutzen jeden Preis rechtfertigt. In Deutschland trifft deshalb eine unabhängige Kommission basierend auf dem Modell der frühen Nutzenbewertung Aussagen über den Zusatznutzen neuer Medikamente und legt somit die Grundlage für die Preisverhandlungen der Krankenkassen mit den Pharmaunternehmen. 

In Österreich hingegen liegt die Entscheidung über die Verwendung neuer Diagnostika und neuer Therapien in den Händen der Kliniken und Klinikverbunde. Das nimmt zwar den einzelnen Mediziner stärker in die Verantwortung, denn er kann sich nicht auf eine unabhängige Kommission berufen. Aber es bietet auch deutlich mehr Flexibilität, um auf den immer ganz speziellen Fall einzugehen.

Wir glauben, dass dies – zumindest derzeit – für uns der richtige Weg ist.